Rouffach – Frankreich

Rouffach – Frankreich

Gestatten, mein Name ist Storch, Adalbert Storch.

Rouffach - FrankreichMeine Heimat, zumindest im Sommer, ist das wunderschöne Städtchen Rouffach im Elsass. Hier haben meine bezaubernde Gattin Eleonore und ich vor einigen Jahren ein Nest auf dem Wipfel eines äußerst stabilen Nadelbaums bezogen. Es ist ein wirklich stattliches Nest von zur Zeit etwa 670 kg Gewicht, aber selbstverständlich sind wir jedes Jahr damit beschäftigt, es weiter auszubauen und zu verschönern. Denn wir wollen es für unseren Nachwuchs so angenehm wie möglich gestalten. Wir haben schon etliche Kinder in diesem Nest großgezogen und auf die große Reise Richtung Süden vorbereitet, und ich kann wirklich voller Stolz behaupten, dass aus ihnen allen etwas geworden ist.

Ich versichere Ihnen, diese Region ist wirklich äußerst angenehm zum Leben. Auf der einen Seite die Vogesen, auf der anderen der Schwarzwald, und dazwischen diese überaus sonnige und fruchtbare Ebene mit einem großen Nahrungsangebot für unsereins. Und diese Thermik – sensationell!

In diesem Sommer habe ich eine interessante Beobachtung gemacht. Da waren nämlich zwei Fremde in unserem beschaulichen Ort und der Umgebung unterwegs.

Wobei ich zu meiner großen Zufriedenheit feststellen durfte, dass es sich bei einem der beiden, dem männlichen Exemplar, um einen entfernten Verwandten von mir handelte. Offensichtlich befand er sich auf der Suche nach seinen Wurzeln. rouffach storch

Jedenfalls sah ich den Storch-Verwandten samt seiner weiblichen Begleitung und einem großen hellen Vierbeiner der Gattung „Hund“ eines Nachmittags plötzlich durch unser schönes Rouffach spazieren. Ich war gerade zu einem kleinen Rundflug gestartet, als ich die beiden bemerkte, wie sie sich staunend und begeistert rufend nach mir und meinen Artgenossen umdrehten, auf uns zeigten, mit offenen Mündern um sich schauten und jede Menge Fotos machten.

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Später, als ich Stellung auf einem Dach bezogen hatte, sah ich die beiden dann wieder.

Sie saßen in unserem Dorf-Café, dem „L’Ours noir“, und tranken eine undefinierbare orangefarbene Flüssigkeit.

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In den nächsten Tagen liefen mir die beiden noch häufiger über den Weg.

Sie durchstreiften trotz ziemlicher Hitze die Weinberge, schwammen im nahegelegenen Fluss L’Ile, und Freunde von mir aus Eguisheim berichteten, dass sie die beiden sogar auch dort gesehen haben.

Zwischendurch konnte ich die beiden aber auch immer wieder im „L’Ours noir“ beim Trinken dieses orangenen Zeugs beobachten.

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Abends, wenn ich mich mit meiner Eleonore in unserem Nest niedergelassen hatte, saßen die beiden oft noch draußen, redeten, hörten Musik, aßen komische Sachen und tranken dazu jede Menge Wein. Wir konnten von unserem Nest aus sogar durch das Fenster in die Küche der beiden schauen, aber was wir da teilweise beobachten mussten, möchte ich hier lieber nicht wiedergeben!


Zwischendurch fuhren die beiden auch immer mal wieder mit ihrem Auto weg, kamen dann aber abends jedes Mal auch wieder zurück. Sie schienen dann immer ziemlich erschöpft zu sein. Nun ja, Laufen ist einfach eine viel zu anstrengende und überflüssige Angelegenheit. Es geht doch nichts über einen entspannten Gleitflug auf einer herrlichen Sommer-Thermik! Wie schön es ist, so zu schweben und das wunderschöne Elsass und unser kleines Städtchen von oben zu sehen, kann ich Ihnen nicht beschreiben!Rouffach aus der Luft


Der Storch-Verwandte schien aufgrund seiner genetischen Disposition dieses Gefühl und diese Sehnsucht auch zu verspüren. Da er aber wohl leider etwas degeneriert und selber gar nicht mehr in der Lage war zu fliegen, bediente er sich eines kleinen Hilfsmittels, das er ein paar Mal an seiner statt in die Luft steigen ließ. Sehr skurril…


Nun ja, eines Tages waren meine Beobachtungsobjekte leider plötzlich verschwunden, so einfach mir nichts dir nichts wieder abgereist. Schade, ich hätte gerne noch mehr über die beiden herausgefunden. Sie wirkten so glücklich miteinander und schienen meine Heimat auch sehr zu mögen. Wer weiß, vielleicht kommen die beiden ja mal wieder, damit das männliche Exemplar noch mehr über seine Wurzeln herausfinden kann…

 

(c) Rose